In Baiersbronn gibt es jetzt einen Nationalpark

nlp-logo-rgb
Was ist denn so neu
am und mit dem Nationalpark Schwarzwald?

Zuerst einmal gar nichts – der Wald ist noch derselbe, aber am 1. Januar 2014 wurde per Gesetz des Landes Baden Württemberg eine Waldfläche, die sich zu 100% in Staatsbesitz befindet, zum Nationalpark erklärt. Und dieser Gesetzgebungsakt hat einige Konsequenzen, die zum einen die Zuständigkeit für diese Fläche betreffen, aber was viel bedeutender ist, die Zielsetzung der Waldentwicklung ändert sich entscheidend.

Ein Wirtschaftswald, wie er vor dem 1.1.2014 noch war, dient vorrangig ökonomischen Interessen, das heißt die Bäume wachsen, um gefällt, entrindet, gesägt und verkauft zu werden. Dazu gibt es eine ganze Reihe von Methoden, die Mal schonender, mal brachialer mit der umgebenden Fauna und Flora umgingen und umgehen. Heutzutage wird eine ökologische nachhaltige Forstwirtschaft betrieben, die ergänzt durch Totholzkonzepte und ähnliches mit dem Wald wesentlich pfleglicher umgeht, als noch vor Jahrzehnten, aber es bleibt ein Wirtschaftswald.

Klar ist aber, wenn ein Wald dazu dient, verkaufbare Ware zu produzieren, so ist dies eine andere Betrachtungsweise als ein Nationalpark, wo das Motto lautet: „Natur Natur sein lassen“. Der Wald als ein Geschäftsmodell liefert Holz und soll Gewinne produzieren. Der Förster beurteilt die Bäume, teilt sie in Güteklassen ein, fördert seine Z- = Zukunftsbäume, indem er krumme, gipfellose Bäume absägt und die „besten“ freistellt, formt die Bäume mit einem Erziehungsschnitt, bei welchem die unteren Astreihen abgesägt werden, um möglichst wertvolles Holz ohne Astlöcher zu erreichen. Der Wirtschaftswald ist vielfach monoton und eindimensional geworden – gewissermaßen seiner Ursprünglichkeit beraubt und die Menschen haben die Kontrolle im Wald.

Und es ist prinzipiell gut, die Kontrolle zu behalten, schließlich wollen wir alle Dachstühle aus geraden Baumstämmen, zu bezahlbaren Preisen. Wir heizen mit Holz, wir dämmen mit Holz. Und wir wollen die Baumart auswählen woraus unsere Möbel sind: „Es sollte schon Eiche sein, oder Esche, Buche, Kiefer“ Und solch ein Wald ist auch ein durchaus ansehnlicher, ein aufgeräumter, in dem wir gerne unterwegs sind und unsere Freizeit verbringen und in dem es sich auch gut mit den Gästen wandern lässt.

Nun gibt es zusätzlich zum Wirtschaftswald einen Nationalpark in Baiersbronn – eine Fläche, wo wir Menschen bewusst die Finger davon lassen, wo wir Beobachter sind und Gast, wo wir zusehen und staunen. Im Nationalpark darf ein Baum wachsen, wie er möchte, der Wald wächst urteilsfrei und im Gegensatz zum Wirtschaftswald unkontrolliert. Denn die Natur wertet nicht und klassifiziert nicht: „Sie ist!“. Sie war vorher, sie wird nachher sein- das einzig Beständige ist hier der Wandel, es gibt keine Besitzstandswahrung, es gibt kein besser oder schlechter, sondern alles ist in einem sich ständig veränderndem Prozess – und deshalb spricht man auch von Prozessschutzfläche.

Einen Teil des Waldes aus der ökonomischen Nutzung zu nehmen eröffnet andere Sichtweisen, fördert die Achtung und den Respekt vor den ablaufenden Naturprozessen. Es geht um ein anderes Verhältnis zur Natur. In den Augen der Menschen kommt der Wald der Ursprünglichkeit von intakter Natur am nächsten. Hier entwickeln wir alle Wohlfühl-Gedanken – die Hektik des Alltages bleibt am Waldrand außen vor und wir alle genießen den Aufenthalt unter dem Schutz der Bäume.

Und es gibt sie noch, die Inseln in der Naturlandschaft, quasi „wilde Kulturwälder“, wo wir ein Stück weit Einblick in Naturprozesse gewinnen können und ein Nationalpark vergrößert diese Möglichkeiten des Sehens, Staunens und Beobachtens von Ursprünglichkeit im Sinne von „Natur Natur sein lassen“.

Das heißt von Menschen erdachte Regeln bedarf es hier nicht mehr – hier sind wir Zuschauer, erhalten faszinierende Einblicke in die geniale Werkstatt der Schöpfung, erleben das Werden und Vergehen – hier werden wir uns vielleicht wieder bewusst, dass wir Teil dieser Natur sind.

Ist es nicht so, dass je weiter sich unsere verstädterte Lebenswelt von der Natur entfernt, desto größer die Sehnsucht gerade nach ihr wird. In der Natur sucht der Mensch das Unberührte, Ursprüngliche, Unverdorbene. Hier genießen wir das Einfache und Erhabene, die Langsamkeit und die Einsamkeit – wir bewundern das Geheimnisvolle und Zauberhafte, die Ewigkeit und Unendlichkeit.

Hier im Wald befreien wir uns zumindest zeitweise von unseren Zwängen, lassen unsere Sorgen, den verzehrenden Alltag hinter uns und werden ruhiger. Wir verlangsamen unseren Schritt und genießen die Schwerelosigkeit. Erkennen bei einem Besuch im Grünen, womöglich verwundert oder sogar erleichtert, dass die Natur unbeirrt ihren Weg geht; hier in der Natur erden wir uns, nehmen wir wieder Kontakt zu unseren Sinnen, Gefühlen und Instinkten auf.

Die freie Natur begeistert und berührt uns. Sie lässt uns die Welt mit anderen Augen sehen und plötzlich stellen wir fest, dass wir solch unverfälschte Natur brauchen – jenseits allem Wirtschaftsdenken. Einfach nur für uns, unseren inneren Frieden, zur Besinnung, zur Einkehr, zur Inspiration, zum Auftanken und Durchatmen. Und wir erkennen, dass Nationalparke auch Seelenschutzgebiete sind und es wird uns bewusst, welch unermesslich großes Gut wir bereits verloren haben…

Und so haben wir in Baiersbronn nun beides: einen funktionierenden Wirtschaftswald und einen Nationalpark, wo „Natur Natur“ sein darf. Und das ist schön so. Ich freue mich darauf, mit meinen Gästen im neuen Nationalpark unterwegs zu sein.

Lassen Sie mich noch anfügen, dass ich einige Gedanken einer Broschüre „Das silberne Fischbesteck“ entnommen habe, die ich jedem Naturfreund als Lektüre empfehlen möchte.

header-mit-claim

Hinterlasse eine Antwort